[DE] Dampfen – Nichts Neues! Oder?

Als der MDR Ende März einen wenig verbreiteten, aber umso bemerkenswert nüchternen Beitrag 1 zur E‑Zigarette veröffentlichte, wirkte das in Deutschland beinahe wie ein publizistischer Tabubruch.

Der Tenor: Für erwachsene Raucher:innen, die sonst weiter Tabak konsumieren würden, ist der vollständige Umstieg auf E‑Zigaretten mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich weniger schädlich als das Rauchen klassischer Zigaretten. Internationale Übersichtsarbeiten, darunter Cochrane-Analysen unter Leitung von Jamie Hartmann‑Boyce, kommen seit Jahren zu ähnlichen Ergebnissen.

Fast zeitgleich überschlugen sich Boulevardmedien jedoch erneut mit alarmistischen Schlagzeilen über vorgeblich gesichert „krebsauslösende“ Folgen von E‑Zigaretten 2. Wer die zugrunde liegenden Studien genauer betrachtet, stößt dabei immer wieder auf dasselbe Muster: kleine Fallzahlen, fragwürdige Expositionsmodelle, unrealistische Laborbedingungen, Korrelation statt Kausalität – und häufig eine mediale Zuspitzung, die weit über das hinausgeht, was die Daten tatsächlich hergeben.

Genau an diesem Punkt beginnt ein Problem, das weit über die E‑Zigarette hinausreicht. Denn die Debatte wird in Deutschland seit Jahren nicht nur wissenschaftlich geführt, sondern zunehmend moralisch aufgeladen.

Stille beständige Korrektur der Evidenzlage

Besonders bemerkenswert ist deshalb, was im Umfeld der jüngeren Evidenzrevisionen geschah. Unter Beteiligung von Jamie Hartmann‑Boyce wurden zahlreiche Publikationen zur E‑Zigarette erneut bewertet . Dabei fielen etliche Arbeiten wegen gravierender methodischer Schwächen durch das Raster oder wurden in ihrer Aussagekraft deutlich relativiert.

Neben Vanderkam et al. (2022) wird für Deutschland explizit der Suchtforscher Dr. Rainer Hanewinkel genannt:

„[…] Hanewinkel et al. (2022) wurde als qualitativ minderwertig eingestuft, aufgrund fehlender Vorab-Protokolle und mangelnder Transparenz bei der Datenauswahl“.

Die vom MDR wiedergegebene Kritik richtet sich dabei schon deutlich gegen Studien einzelner Personen.

Hanewinkel war und ist in verschiedenen tabakpolitischen Netzwerken aktiv und publiziert – teils gemeinsam mit Stanton A. Glantz – regelmäßig zu Themen rund um Nikotin, Jugendprävention und E‑Zigaretten. Seine Arbeiten tauchen regelmäßig im Schrifttum von Thomasius 3 auf – dasselbe gilt selbstverständlich in umgekehrter Richtung auch.Ein in sich geschlossenes System gegenseitiger Bestätigung.

Viele Akteure aus Bereichen wie Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Deutscher Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), DGP, ABNR, Krebsliga oder verwandten Präventionsnetzwerken referenzieren sich über Jahre hinweg wechselseitig, übernehmen Narrative voneinander und erzeugen dadurch gekonnt den Eindruck eines wissenschaftlichen Konsenses, obwohl international deutlich differenzierter diskutiert wird. Auffällig auch, dass die Besetzung wissenschaftlicher Beiräte bis hinein zur Kommission der S3-Leitlinie“ Rauchen und Tabakabhängigkeit” 4 personell oft nahezu komplett identisch besetzt ist.

Das bedeutet nun nicht automatisch, dass sämtliche Arbeiten dieser Gruppen wertlos wären. Aber es wirft Fragen auf: Wie offen ist eine Debatte noch, wenn dieselben Institutionen gleichzeitig Studien produzieren, politische Empfehlungen formulieren, Medienbriefings liefern und sich gegenseitig als Autoritäten zitieren?

Vom Rauchverzicht zur Nikotinabstinenz

Der eigentliche Bruch liegt jedoch tiefer.

Noch vor einigen Jahren galt in der Tabakkontrolle ein relativ pragmatischer Grundsatz: Jeder vermiedene Zigarettenkonsum ist ein gesundheitlicher Gewinn. Inzwischen hat sich ein erheblicher Teil der deutschen Debatte davon entfernt. Heute dominiert vielerorts eine Haltung, nach der ausschließlich totale Nikotinabstinenz als primäres Endziel jeder Intervention gilt. Abweichung davon oder Zwischenlösungen sind nicht einmal tolerabel!

Das klingt zunächst plausibel. Natürlich wäre es gesundheitlich am besten, weder zu rauchen noch Nikotin zu konsumieren. Doch daraus folgt nicht automatisch, dass jede risikoärmere Alternative diskreditiert werden sollte, was aber inzwischen zum Goldstandard geworden ist.

Wer darauf hinweist, dass E‑Zigaretten deutlich weniger Schadstoffe freisetzen als Tabakrauch, gerät generell unter Verdacht, „die Industrie“ zu unterstützen. Wer Studien zu Schadensminimierung zitiert, wird nicht selten moralisch bis hin zu ad personam Diskreditierungen, statt fachlich attackiert.

Dabei ist die internationale Evidenz keineswegs so unklar, wie deutsche Schlagzeilen oft suggerieren. Cochrane-Reviews bescheinigen nikotinhaltigen E‑Zigaretten eine höhere Wirksamkeit beim Rauchstopp als klassischen Nikotinersatzpräparaten. Public Health England sprach bereits vor Jahren davon, dass E‑Zigaretten wahrscheinlich erheblich weniger schädlich seien als Tabakzigaretten.

Auch klinische Beobachtungen weisen in dieselbe Richtung. Der Kardiologe Professor Jacob George von der University of Dundee zeigte etwa in Untersuchungen mit Rauchern koronarer Herzkrankheiten deutliche Verbesserungen vaskulärer Parameter nach dem Umstieg auf E‑Zigaretten.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Dampfen gesund wäre. Es bedeutet lediglich, dass Risikoabstufungen real existieren.

Die deutsche Sonderrolle

Während Großbritannien die E‑Zigarette teilweise aktiv in Programme zur Rauchentwöhnung integriert hat, dominiert in Deutschland weiterhin ein Klima des Misstrauens.

Das zeigt sich nicht nur in politischen Forderungen nach Aromenverboten oder höheren Steuern, sondern auch in der Kommunikation vieler Fachgesellschaften. Dort wird oft so argumentiert, als sei die Existenz eines Restrisikos bereits ausreichend, um daraus jeden erdenklichen Nutzen für langjährige Raucher kategorisch abzusprechen.

Doch genau diese Haltung kollidiert mit einem zentralen Prinzip moderner Medizin: Patienten profitieren nicht nur von perfekten Lösungen, sondern oft bereits von deutlich besseren Alternativen.

Wer jahrzehntelang zwei Schachteln Zigaretten am Tag geraucht hat und vollständig auf E‑Zigaretten umsteigt, reduziert sehr wahrscheinlich seine Schadstoffexposition massiv – selbst wenn Dampfen nicht risikofrei ist.

Die Weigerung, diesen Unterschied klar anzuerkennen, kann mittlerweile klar ideologisch, aber auch vermutungsweise von merkantilen Interessen geleitet angesehen werden.

Wer sich neuerdings ausschließlich als Kämpfer gegen Nikotin versteht, läuft per se Gefahr, jede Form des Nikotinkonsums automatisch als Feindbild zu behandeln – Differenzierung nach relativen Risiken grundsätzlich negierend.

Das erklärt möglicherweise, warum manche deutsche Debatten so merkwürdig entgrenzt wirken. Aus wissenschaftlicher Vorsicht wird kommunikative Maximalwarnung. Aus berechtigter Skepsis wird pauschale Ablehnung. Und aus öffentlicher Gesundheitspolitik wird bisweilen eine Form moralischer Erziehungsarbeit.

Die Leidtragenden sind dabei oft ausgerechnet die Menschen, um die es eigentlich gehen sollte: langjährige Raucherinnen und Raucher.

Wer denen permanent vermittelt, Dampfen sei praktisch genauso gefährlich wie Rauchen, nimmt ihnen einen möglichen Ausstiegsweg. Und wer jede Form von Harm Reduction delegitimiert, verteidigt am Ende unfreiwillig den Status quo der Zigarette.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob E‑Zigaretten harmlos sind. Das sind sie nicht.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Warum fällt es Teilen der deutschen Tabakkontrolle so schwer, zwischen „nicht gesund“ und „deutlich weniger schädlich“ zu unterscheiden?

Zum im Alleingang per Ministererlass vorgesehenen Mentholverbot – nebst weiterer 12 Cooling-Agents – gestützt auf dünne bis nicht vorhandene Kausalität durch das BfR, gesellt sich aktuell noch ein geplantes Totalverbot von Einweg-E-Zigaretten 5 bereits in diesem Jahr. Erstaunlich dabei, dass zur Begründung nicht die Universaltrumpfkarte – der Kinder- und Jugendschutz – gespielt wird, sondern Umweltaspekte und besonders abertausende Brände in Müllfahrzeugen und Sortieranlagen herhalten müssen.

Der deutschen Umwelthilfe, DUH 6 – finanziert u.a. mit 2,2Mio€ (2024) aus Bundeshaushaltsmitteln, also Steuergeldern 7 – kann das nicht weit genug gehen. Daher fordert sie, zusätzlich noch E-Zigaretten mit nicht nachfüllbaren Aufsteckkapseln (gemeint sein dürften hier die als Pod’s bekannten Varianten) in einem Aufwasch gleich mit zu verbieten. Und generell nur noch Produkte zuzulassen, die einen einheitlichem Ladeanschluss aufweisen.

Autor: Krolli

Quellen

  1. https://www.mdr.de/wissen/medizin-gesundheit/warum-die-e-zigarette-besser-ist-als-ihr-ruf-100.html – [Archiv]

    Darin zitiert:

    Oxford-UMass-Studie: A. Difeng Wu et al. (2026): „Electronic cigarettes for smoking cessation: An overview of systematic reviews and evidence and gap map“, Addiction;

    Anses-Bericht (PDF), veröffentlicht im Februar 2026: „Evaluation des risques sanitaires liés aux produits du vapotage“

  2. Sitas, F., Mazza, C. J., Hopkins, A. M., Modi, N. D., Ryan, M., Bonevski, B., Marshall, H., Griffin, H. J., Itchins, M., Varlow, M., & Stewart, B. W. (2026). The carcinogenicity of e-cigarettes: a qualitative risk assessment Carcinogenesis, 47(1). https://doi.org/10.1093/carcin/bgag015
  3. Prof. Dr. med. Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter „Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters“, UKE Hamburg
  4. S3-Leitlinie“ Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung” AWMF –gültig bis 12/2025; https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/076-006l_S3_Rauchen-_Tabakabhaengigkeit-Screening-Diagnostik-Behandlung_2021-03.pdf
  5. „Ein notwendiger Schritt“, Laura Beigel, RND RedaktionsNetzwerk Deutschland, 9.5.2026 https://www.msn.com/de-de/finanzen/top-stories/ein-notwendiger-schritt/ar-AA22L8kC
  6. https://www.presseportal.de/pm/22521/6274074 (DUH v. 12.06.2026)
  7. https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/DUH_Publikationen/Jahresberichte/DUHwelt_4_Jahresbericht_2025-1.pdf (DUH Jahresbericht 2024, veröffentlicht 2025)

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